Interview mit Schriftsteller Manfred Herrmann

© 2012 Jutta Schütz

 

Autor Manfred Herrmann wurde am 19. März 1952 in Munster geboren und wohnt heute in Bad Nenndorf.

 

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse stellte der Autor sein erstes Buch „BIGGI – Im Schatten der Nacht“ der Öffentlichkeit vor. In diesem Buch werden Themen angesprochen, die in unserer Gesellschaft immer noch verharmlost werden: Pornografie, Prostitution und Glücksspiel.

 

Herrmann, der beim Landeskriminalamt beschäftigt ist und während seiner Dienstzeit in der Abteilung „Sitte“ umfangreiche Kenntnisse über das Leben und die Gepflogenheiten im Prostituierten- und Zuhälter-Milieu erlangte, nimmt in seinem Buch kein Blatt vor den Mund und beschreibt dieses Milieu aus Sicht seiner langjährigen Tätigkeit.

 

 

 

Schütz: Herr Herrmann, Sie haben am 20. September 2010 über den tredition-Verlag Ihren ersten Roman veröffentlicht und Sie haben ein sehr brisantes Thema gewählt. Was hat Sie bewegt über dieses Rotlicht-Milieu zu schreiben?

 

 

 

Herrmann: In den 3 Jahren meiner Tätigkeit im Bereich Sitte hatte ich Gelegenheit, das Leben in der Prostitution zu studieren. Dabei stellte ich fest, dass die Frauen in der Prostitution das schwächste Glied einer ganzen Kette von Gewalt, Ausbeutung und Kriminalität sind. Sie werden aufgrund verschiedenster Abhängigkeiten zu stehlen, zu betrügen und zu Gewaltanwendung - auch gegenüber Kolleginnen – gezwungen. Sie müssen einen Hohen Betrag ihrer Einnahmen an ihren Zuhälter abführen, hohe Tagesmieten in den Bordellen bezahlen, dazu Blockkosten (Getränkezwangsabnahme) abgeben, für Dessous und Kosmetik, Friseur und Sonnenbank investieren. Dann muss meistens noch die Sucht (Alkohol, Tabletten und (oder) Heroin) finanziert werden.

 

Für ihr eigenes Leben bleibt da nichts mehr übrig. Die Folge ist das Anschaffen tags und nachts ohne Pause. Dabei nimmt die Frau gesundheitliche Risiken in Kauf, da sie sich immer wieder aufputschen muss. Letztendlich gerät sie doch in hohe Verschuldung. Wenn sie dann dem Zuhälter nicht mehr genug einbringt wird sie in eine andere Stadt an einen andren Zuhälter verkauft.

 

 

 

Schütz: Was erwarten Sie von den Lesern Ihres Buches?

 

 

 

Herrmann: Meine Intension ist, dass ich durch die krasse Schilderung die eine oder andere Frau davon überzeugen kann, ihr Geld auf andere Weise zu verdienen. Eine Prostituierte sagte zu mir, nachdem sie das Manuskript gelesen hatte, dass diese Buch Pflichtlektüre für alle 16 jährigen Mädchen und deren Eltern werden müsst, um sie von der Prostitution fernzuhalten.

 

 

 

Schütz: Beruht diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit?

 

 

 

Herrmann: Aus den Schilderungen vieler Frauen habe ich den Roman zusammengestellt und Biggi zugeschrieben. Alle Begebenheiten, Sexualpraktiken und Verhaltensweisen der Frauen im Roman entsprechen der Wahrheit.

 

 

 

Schütz: War es für Sie einfach, dieses Buch zu veröffentlichen?

 

 

 

Herrmann: Aufgrund der knallharten Ausdrucksweise, wie sie im Milieu gesprochen wird, den geschilderten Sexualpraktiken und der Gewalt der Zuhälter war damals 1986 kein Verlag bereit, das Buch zu veröffentlichen. Darum bin ich dem Verlag tredition dankbar, dass sie mir die Gelegenheit gegeben haben, nach 24 Jahren mein Buch zu veröffentlichen.

 

 

 

Schütz: Wie ich verfolgen konnte, sind Sie nach nur kurzer Zeit mit Ihrem Buch recht erfolgreich durchgestartet. Wie fühlt man sich dabei?

 

 

 

Herrmann: Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn man nach so langer Zeit ein gebundenes Buch in der Hand hält, das als Inhalt meine niedergeschriebenen Gedanken enthält. Man hat etwas Bleibendes geschaffen, das möglicherweise über den Tod hinaus bestand hat.

 

 

 

Schütz: Ich habe Ihr Buch gelesen, konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Sie begleiten in Ihrem Roman die Leser durch eine ganz andere Welt. Es hat mich sehr erschreckt, wie schrecklich das Leben in der Prostitution sein kann und das Erschrecken nimmt in Ihrem Buch von Seite zu Seite immer mehr zu. Warum haben Sie so eine harte Sprache gewählt?

 

 

 

Herrmann: Das Leben in der Prostitution ist hart. Die Frauen müssen sich vielen Menschen gegenüber, aber auch Situationen gegenüber durch setzen. Dazu kommt die Arbeit. Die Frauen haben in ihrem Zwang Geld heranzuschaffen nicht die Möglichkeit sich Freier in irgendeiner Art auszusuchen. Sie müssen jeden mitnehmen und an sich heran lassen. Das härtet ab.

 

 

 

Schütz: Was sagen Ihre Familie und Ihre Freunde über dieses brisante Buch?

 

 

 

Herrmann: Meine Frau und meine Freunde, Bekannte und Kollegen haben mich immer wieder gedrängt, eine Möglichkeit zur Veröffentlichung meines Manuskriptes zu suchen.

 

 

 

Schütz: Wird es eine Fortsetzung von BIGGI geben?

 

 

 

Herrmann: BIGGI ist 1960 oder 1961 geboren. Sie ist damit heute so um die 50 Jahre alt. Ich werde recherchieren, in wieweit sie bis heute aufregendes Erlebt hat, was sich lohnt, zu Papier zu bringen. Wer weiß?

 

 

 

Schütz: Welche Buchprojekte haben Sie zurzeit in Arbeit?

 

 

 

Herrmann: Zurzeit arbeite ich an Erinnerungen meiner Familie und meiner Verwandten kurz vor Kriegsende des zweiten Weltkrieges auf der Insel Rügen. Desweiteren plane ich einige interessante Geschichten aus meiner bisher 42 jährigen Dienstzeit als Polizeibeamter niederzuschreiben. In diesen Jahren gab es einiges, was die Leser interessieren könnte.

 

 

 

Schütz: Hat sich seit Ihrer Zeit in der Sitte bis heute in der Prostitution gravierendes geändert?

 

 

 

Herrmann: Im Grunde hat sich seit Jahrtausenden nicht viel geändert. Es sind immer nur Kleinigkeiten. Heutzutage gibt es Handy und statt Heroin meistens Kokain. Damals waren zumindest in Braunschweig nur deutsche Prostituirte tätig. Darauf haben wir Wert gelegt. Heute

 

sind die Frauen international. Ebenso ändert sich die Nationalität der Zuhälter. Früher waren es deutsche Luden, dann kamen türkische Männer, dann Deutschrussen. Heute sind meines Wissens die Albaner und auch die HellsAngel die führende Gruppe.

 

Eine „neue Art“ Frauen zur Prostitution zu zwingen wird von den sog „Lover Boys“ in den Niederlanden bevorzugt.

 

Hier bemühen sich 18 bis 20 jährige junge Männer Mädchen im Alter von 14 – 16 Jahren als Freundin zu bekommen. Schlafen dann mit ihnen und spielen ihnen die große Liebe vor. Nach dem ersten Geschlechtsverkehr werden die Mädchen dann aber sofort brutal zum Sex mit älteren Männern gegen Geld gezwungen und so der Prostitution zugeführt.

 

Mittlerweile sind erste Fälle auch in Nordrhein-Westfalen bekannt geworden.

 

Auch BIGGI kam so – nur über einen längeren Zeitraum – zur Prostitution.

 

 

 

Schütz: Herr Herrmann, ich wünsche Ihnen für Ihre Buchprojekte weiterhin viel Erfolg und bedanke mich sehr herzlich für das Interview.

 

 

 

Wer über das Buch „BIGGI – Im Schatten der Nacht“ (tredition-Verlag, Hamburg) mehr wissen möchte, kann sich im Verlag informieren oder auf der Webseite des Autors: www.manfred-herrmann.de